100 Jahre FF Vorwerk Stadtfeuerwehrverband Lübeck

Seit dem gestrigen Samstag ist die FF Vorwerk kein "Uhu" (unter hundert) mehr - mit einem Kommers im Gemeinschaftshaus Vorwerk beging sie ihr 100-jähriges Jubiläum. Wehrführer Dennis Hedemann und Stellvertreter Torsten Kafka konnten zahlreiche Gäste aus Feuerwehrkreisen und Politik zum runden Feuerwehrgeburtstag begrüßen. 

Wie es der Tradition bei runden Jubiläen entspricht (übrigens: zum Stichwort Tradition später mehr), ließ Dennis Hedemann die Highlights von 1909 bis heute Revue passieren. Hätten seine Gründungsvorfahren vor 100 Jahren bestenfalls auf Plakate oder kleine Fotografien zurückgreifen können, nutzte Hedemann modernste Beamertechnik und untermalte seine Ausführungen mit anschaulichen farbigen und schwarz-weißen Fotos. Erinnerungen an längst vergangene Zeiten wurden wieder wach. Ich habe mich selber auch dabei ertappt, wie ich meinem Tischnachbarn beim Anblick des Vorwerker LF 8 aus dem Jahr 1968 zuraunte, dass ich auf diesem Fahrzeugtyp auch meine Anfänge bei der Feuerwehr bestritten habe.

Die Vorwerker boten Alles auf, um den Zuhörern die "vermeintlich gute alte Zeit" in Erinnerung zu rufen - neben Fotos und Erläuterungen stieß Torsten Kafka buchstäblich ins Horn, in ein Alarmierungshorn, wie es in Zeiten vor der Sirenenalarmierung benutzt wurde, um die Feuerwehrleute zum Einsatz zu holen. 

Ob einer der Anwesenden eigene Erinnerungen an diese Zeiten hatte, vermag ich nicht zu sagen. Dennis Hedemann wußte durch intensive Recherchen in Unterlagen längst vergangener Zeiten zu berichten, dass die Zugpferde von Löschanhängern beim Erklingen des Alarmhorns auch schon einmal alleine lostrabten und der Bauer zusehen musste, wie er den Anschluss nicht verlor. So erinnerte Hedemann auch an die 50`er Jahre, als die FF Vorwerk über eine eigene Zeitung, "Die Sirene" verfügte, die auf humoristische Art so Manches an den Tag brachte. 

Oliver Bäth, Leiter der Feuerwehr Lübeck, wagte seinerseits einen Blick ins Gründungsjahr 1909. In diesem Jahr wurde die erste Haftpflichtversicherung für Kraftfahrzeuge eingeführt, erstmals überschritt eine Auto die Schallgrenze von 200 km pro Stunde und durch Mercedes erschien ein neuer "Stern" am Autohimmel. Feuerwehren gab es aber auch schon vor 1909. Die erste Feuerwehr wurde im Jahr 1846 in Durlach bei Karlsruhe ins Leben gerufen. 1909 hatte die Lübecker Berufsfeuerwehr zwei Wachen. Nach damaliger Auffassung waren mit Benzin betriebene Feuerwehrfahrzeuge an der Einsatzstelle viel zu gefährlich. Darum verfügtedie Lübecker Feuerwehr auch nicht über automobile Löschzüge. Im selben Jahr führe die BF Hamburg eine Neuerung ein, die vielleicht in den nächsten Jahrzehnten wiederentdeckt wird - Löschfahrzeuge mit Elektroantrieb. Vom Rückblick auf das Jahr 1909 schloss Bäth den Kreis in die Gegenwart. Ein Fahrzeug der jüngeren Generation, das auch in Vorwerk vorhandene LF 8/6, wurde zum Urtyp der aktuellen LF-Generation für die BF Lübeck. Oliver Bäth überbrachte die Grüße aller Kollegen der BF Lübeck und wünschte sich die Pflege und Fortführung der kameradschaftlichen und freundschaftlichen Zusammenarbeit mit der FF.

Wie ein roter Faden zogen sich zwei Kernthemen durch die Grußworte der Gastredner:

  1. Freiwillige Feuerwehren sind auch in kreisfreien Städten mit Berufsfeuerwehren unverzichtbar.
  2. Freiwillige Feuerwehr kann nur funktionieren, wenn die Familienangehörigen der Kameradinnen und Kameraden die Arbeit mittragen.

Senator Thorsten Geißler überbrachte auch im Namen der ebenfalls anwesenden Stadtpräsidentin die Grüße der Hansestadt Lübeck. Er hob unter anderem hervor, dass die Feuerwehr an die Stadt einen Anspruch auf gute und sichere Ausstattung hat. Er dankte allen Feuerwehrangehörigen für ihr Engagement. "Der Dank gilt auch allen Angehörigen derjenigen, die das 24-stündige Ehrenamt unterstützten." so Geißler. Wehrführer Hedemann unterlief beim Rückblick ein kleiner Versprecher. Versehentlich erhöhte er die Frauenquote der Wehr von 10 % auf 30 %. Senator Geißler griff das Thema auf und wandelte den Versprecher salomonisch um: " Ein Frauenanteil von 30 % wäre wünschenswert, Herr Hedemann wollte die 30 % sicher als künftiges Ziel sehen."

Ministerialrat Hans Schönherr betrat mit der Ehrenglocke des Landes in der Hand das Rednerpult und hatte mit seinen einleitenden Worten die Zuhörer gefesselt: "Die Feuerwehren wissen ja, ich bin hier, um die Glocke zu überreichen." Er stellte die übergabe des Präsentes dann doch noch ein wenig zurück und nutzte die Gelegenheit für Grußworte im Namen der Landesregierung Schl.-H. und des Innenministers Klaus Schlie. Indirekt mahnte Schönherr, über die guten Taten der Feuerwehr auch zu informieren. Getreu dem Motto "Tue Gutes und rede darüber" erklärte er, dass die Anwohner stolz auf ihre Feuerwehr sein können. Er hätte sich gewünscht, dass sie die Lobworte über ihre Feuerwehr auch hören würden.

Schönherr griff  die Aussage Geißlers, Freiwillige Feuerwehr funktioniert nur, wenn die Angehörigen der Kameraden diese mittragen, auf und setzte sie gedanklich in eine etwas andere Feuerwehrorganisation um. Er sprach von den Familienangehörigen als einer 4. Abteilung.

Die Ehrenabteilung hat die Aufgabe, Traditionen zu bewahren und viele Erkenntnisse an die nächste Generation weiterzugeben. Gemeint ist aber nicht das "Bewahren alter Zöpfe", sondern positive Tradition, positive Einstellungen (Hier ist schon der erste Verweis auf Tradition). Die Einsatzabteilung opfert viel Zeit für die Feuerwehr und setzt Leben und Gesundheit für die Aufgabe ein. "Die Feuerwehr geht dort hin, wo Andere rausrennen", so Schönherr. Die Jugendabteilung dient nicht nur der Nachwuchsgewinnung sondern soll Jugendlichen eine Alternative bieten, sie von der Straße holen. Die Angehörigen der Feuerwehrleute sind genauso in die Feuerwehrarbeit eingebunden. Ohne sie ginge es nicht; die Freiwillige Feuerwehr braucht ihre Unterstützung.

Torsten Kafka, der in seiner ihm eigenen kurzweiligen Art die Veranstaltung hervorragend moderierte, griff noch einmal die Tradition auf (da ist sie schon wieder). Er ergänzte Schönherrs Aussage zu den Aufgaben der Ehrenabteilung. Jüngere Kameradinnen und Kameraden haben gelernt positive Traditionen zu pflegen und sind bereit, Verantwortung zu übernehmen.

Detlef Radtke, in Doppelfunktion als Landes- und Stadtbrandmeister anwesend, griff seinerseits die Tradition auf. (Da ist nochmal die Tradition, vielleicht gehört sie aber auch automatisch zu einer 100-Jahr-Feier dazu. Ob die Gastredner bei Ausarbeitung ihrer Redebeiträge dem Thema Tradition eine derart bedeutende Rolle zugemessen haben, kann ich nicht beurteilen. Bei mir entstand aber der Eindruck, dass der Stein "Tradition" erst einmal ins Rollen gebracht, auch eine gewissen Eigendynamik entwickelt hat. Das passiert wohl bei Themen, die grundsätzlich Anlass zu Diskussionen geben.) Radtke stellte eindeutig heraus, dass man Tradition nicht am äußeren festmachen darf, sondern an deren inneren Werten. Er brach eine Lanze für das System der Freiwilligen Feuerwehren. "Wir haben in Schleswig-Holstein ein gutes Hilfeleistungssystem mit über 50.000 Feuerwehrangehörigen, für dessen Erhalt wir kämpfen müssen," so Radtke. Im "normalen" Tagesgeschäft stellen die Freiwilligen Feuerwehren die zweite Komponente für den gemeinsamen Löschzug mit der BF. Darüber hinaus sind sie bei größeren Einsätzen, Großschadenslagen und flächendeckenden Schadenslagen bis zu Katastrophenlagen unersetzlich. Detlef Radtke zog das Fazit: "Neben einer angemessenen Ausbildung, Unterbringung und Ausstattung sind die Anerkennung des Ehrenamtes, die Solidarität der Bürger, das Verständnis der Arbeitgeber und die Solidarität der Familien weitere unerlässliche Bestandteile einer funktionierenden Freiwilligen Feuerwehr." Abschließend dankte er den Feuerwehren, die durch Eigenleistungen einen enormen Sparbeitrag für den städtischen Haushalt geleistet haben und schloss mit einem Appell: "Der Auftrag des Bürgermeisters, durch Strukturoptimierung der Freiwilligen Feuerwehren Gelder im städtischen Haushalt zu sparen, ist der falsche Weg."

Bereitschaftsführer Klaus Cohrs griff das Thema "Tradition" nicht auf. Sein Dank gilt allen Feuerwehrangehörigen und deren Familien, die viel zur Unterstützung im Ehrenamt beitragen. Er mahnte aber auch, dass die Arbeit in der Freiwilligen Feuerwehr - mal abgesehen vom unmittelbaren Einsatzgeschehen - Spaß machen muss, um die Kameradinnen und Kameraden und letztlich sich selbst zu motivieren.

In einer weiteren Doppelrolle - als Feuerwehrkamerad und Politiker - wurde Jörg Hundertmark um ein Grußwort gebeten. Von dieser Bitte überrascht brachte er in seinem Beitrag das Wesentliche auf den Punkt: "Wichtig ist, dass die Geschichte erhalten bleibt. Wir müssen ein einheitliches Bild der Feuerwehr erhalten, das nicht in Berufsfeuerwehr und Freiwilliger Feuerwehr unterscheidet," so Hundertmark. 




Datum: 15.11.2009 Redakteur: Rüdiger Lüdtke